Sie gelten als die extremsten Arbeitsplätze gleich nach der Raumfahrt: Ölbohrinseln. Denn nur Astronauten sitzen beim Start einer Rakete auf einem ähnlich riesigen Haufen Sprengstoff. Während dieser kontrolliert gezündet wird und den Astronauten ins Weltall schießt, haben die Arbeiter auf einer Ölbohrinsel genau die gegenteilige Aufgabe:

Sie verhindern offenes Feuer und jeden unkontrollierten Funken bei Ihrer Arbeit, da unbemerkt ausströmendes Gas aus einem Leitungsleck sofort zu einer gigantischen Explosion führen kann. Brandschutz ist demnach eine Aufgabe, die genauso wichtig ist, wie die eigentliche Tätigkeit der überwiegend männlichen Arbeiter auf den Förderinseln, das Bohren nach Öl und Erdgas.

„Wir sitzen auf einer riesigen Erdgasblase mit der Sprengkraft von mehreren Tonnen TNT und lassen einen Lichtbogen durch einen Menschen fahren, der wie der Zünder einer Bombe funktioniert… Stellen Sie sich mal dieses Gefühl vor, wenn Sie auf den Auslöser des Defis drücken!“ – John, Sanitäter auf einer Bohrinsel

Wir haben eine Ölbohrinsel in der Nordsee besucht und dabei einen guten Freund getroffen: Den corpuls3.

Mit dem Hubschrauber zur Arbeit

Für Arbeiter auf Bohrinseln ist ein Transport im Helikopter so selbstverständlich, wie für uns die Fahrt im Bus oder der Bahn. Unser Hubschrauber vom Typ H225 aus dem Hause Airbus ist mit einem als Rig’N Fly bezeichneten automatischen Landesystem ausgestattet. Ein gutes Gefühl nach der vorangegangenen Sicherheitseinweisung, die nicht wie auf einem Linienflug in der Kabine erfolgt, sondern vorab per Video noch am Heliport von Den Helder im Norden der Niederlande. Auch der Check-in ist nicht wie gewohnt: Passkontrolle und Kofferwiegen kennen wir. Nun müssen wir aber auch noch selbst auf die Waage. Der Pilot muss das exakte Startgewicht seiner Maschine ermitteln. Ok, hier wird echt an alles gedacht.

Wie 63.000 andere Arbeiter pro Jahr machen wir uns auf den Weg zur Kleiderausgabe am Terminal von Den Herder. Hier werden wir für den Flug schick gemacht: Thermoanzug und Schwimmweste mit Atemluftreserve. „Die Nordsee ist rau und kalt“, entgegnet uns die Dame am Schalter mit breitem Grinsen, die gleich erkennt, dass wir zum ersten Mal diesen Flug antreten. Das mulmige Gefühl ist wieder da.

Gestrandet, mitten in der Nordsee

Rund eine Stunde sind wir unterwegs. Das Wetter ist gnädig mit uns und die Landung erfolgt sanft auf einer Plattform, die uns nur unwesentlich größer erscheint, als der Helikopter selbst. Ein Teil der Männer bleibt an Bord des Helis und fliegt zu einer anderen der weit über hundert Ölbohrinseln in der Nordsee. Für uns geht es jetzt erst einmal zum Sanitäter. Er gibt uns eine Sicherheitseinweisung, wieder per Video. Darin erfahren wir, dass wir gerade in eine Gasblase bohren, die pro Tag drei Millionen Kubikmeter (3 Mio m3) Gas liefern soll.

John, der Sanitäter an Bord, weiß von unserem Besuch und stellt uns seinem Kollegen vor: Es ist ein corpuls3! Der grauhaarige Ire mit Schnauzer wirkt sehr entspannt, selbst dann als er uns erzählt: „Wir sitzen auf einer riesigen Erdgasblase mit der Sprengkraft von mehreren Tonnen TNT und lassen einen Lichtbogen durch einen Menschen fahren, der wie der Zünder einer Bombe funktioniert… Stellen Sie sich mal dieses Gefühl vor, wenn Sie auf den Auslöser des Defis drücken!“

Wir entscheiden uns gegen die Vorstellung und werden von ihm zu den Quartieren und dem Speisesaal geleitet. Dort duftet es herrlich. Jellena aus Litauen ist die Küchenchefin und die einzige Frau an Bord der Bohrinsel. Sie kocht mit ihrem Team täglich vier warme Gerichte und bestückt ein Buffett, an dem sich die Arbeiter rund um die Uhr bedienen können. Deftiges Essen mögen die Männer am Liebsten, viel Fleisch und Fisch. Dabei den Geschmack knapp hundert verschiedener Zungen aus über 20 Ländern zu treffen, das ist Jellenas Aufgabe. „Die Stimmung hängt hier von vielen Faktoren ab“, erklärt die 36-Jährige. „Manchmal klappt es mit dem Bohren nicht, dann sind Wind und Wetter anstrengend und nach durchschnittlich drei Wochen an Bord sinkt die Motivation auch etwas. Wenn dann etwas mit dem Essen nicht passt…“, sagt die Küchenchefin und rollt mit den Augen.

Die Angst ist kein ständiger Begleiter

Eine Bohrinsel läuft rund um die Uhr, an jedem Tag im Jahr. Das sorgt für viel Routine, birgt aber bei monotonen Abläufen auch immer die Gefahr unkonzentriert zu werden. Darum wird jeder Handgriff mehrfach überwacht und abgesichert. Diese Aufgabe kommt meist den Anfängern zu. Sie sind an ihrem grünen Helm leicht zu erkennen. Den blauen Helm, der zeigt, dass sie schon drei und mehr Einsätze auf einer Bohrinsel geleistet haben, müssen sie sich bei Brandwachen nach Schweißarbeiten, durch das Abschmirgeln von Rost und das Streichen mit Anti-Korrosionsfarbe verdienen.

Auch wenn die meisten Arbeiten in gesicherten Bereichen stattfinden, gibt es gefährliche Tätigkeiten, deren Risiken nur schwer vorhersehbar sind. So sind vor allem die Starts und Landungen der Mannschaftshubschrauber oder das Anlegen und Löschen von Versorgungsschiffen die kritischen Momente.

Wir treffen nochmals John, den Sanitäter, der uns einen Blick auf die Stahlausleger am Rand der Plattform werfen lässt. „Diese müssen regelmäßig kontrolliert, gewartet und in Stand gesetzt werden. Die salzige Luft und Wellen von bis zu 30 Metern Höhe setzen unserem Schätzchen“, so nennen die Männer an Bord ihre Insel, „ziemlich zu.“ John zeigt uns einen Ausleger, an dessen Ende eine Flamme zügelt. Dort wird Gas abgefackelt, das beim Bohren austritt und nicht genutzt werden kann. „Manchmal schlägt dort der Blitz ein“, erklärt John eher kühl. „Aber auch da müssen wir hin. Das trainieren wir auch regelmäßig, denn dann zählt jede Sekunde,“ fährt der Sanitäter fort, der von manchen einfach nur Doc genannt wird. Mit dem corpuls3 steht er dann zur Absicherung bereit, wenn einer der Arbeiter dort Reparaturen durchführt.

„Ich habe ihn zum Glück dort noch nie für eine Reanimation gebraucht. Aber ein Arbeiter hatte dort einen Stromschlag bekommen, als er die Leitung einer Positionsleuchte kontrollierte. Es war natürlich Nacht und hat geregnet. Ich habe ihn vor Ort verkabelt und bin dann mit ihm zurück in die Unterkunft gelaufen. Er rechts im Arm, der corpuls3 in meiner Linken. Ein mulmiges Gefühl – aber nicht für mich!“, lacht uns John aus, der unsere offenen Augen und Münder zu amüsant findet.

Nach nur acht Stunden an Bord geht es für uns wieder zurück an Land. Ein echtes Abenteuer für uns, Routine für die Arbeiter und wohl einer der extremsten Einsatzorte für unseren corpuls3.

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