Wenn Einsatzkräfte über die Grenzen ihrer emotionalen Belastbarkeit hinausgehen müssen, ist die psychosoziale Notfallversorgung der Rettungsschirm für Personal aus Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei. Die psychologische Hilfe kann aber nur dann auch im Kopf des Helfers ankommen, wenn sie zeitnah und fachgerecht erfolgt und der Betroffene sich für das Gespräch offen zeigt. Eine Übersicht zu den Prinzipien der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV)

Wo andere weglaufen, rennen wir rein!

Ein Slogan, mit dem Aufkleber und T-Shirts bedruckt sind, umrahmt von Flammen oder einem Einsatzfahrzeug. Der Spruch ist gelebtes Selbstverständnis – nicht nur bei der Feuerwehr. Auch Rettungsdienste, Bundeswehr, Polizei, Technisches Hilfswerk; sie alle handeln im Notfall gegen den Fluchtinstinkt des Menschen und müssen genau dorthin, wo sonst niemand sein möchte: Brände, Unfälle, Gefahrenlagen von Amoklauf bis Zugunglück.

Hinter der Maske der Professionalität ertragen die Helfer oftmals extrem belastende Situationen, durchlaufen die Ereignisse teils selbst, als wären sie emotional gar nicht anwesend und konzentrieren sich auf ihre Arbeit: Retten, Löschen, Bergen, Schützen.

Wenn der Kopf erst später alles kapiert

Doch die Eindrücke eines Verkehrsunfalls brennen sich in das innere Auge ein. Die Schreie verletzter Menschen klingen noch lange nach dem Einrücken in die Wache im Kopf nach, der Geruch von Benzin, Gras und Erde beim Rasenmähen lässt den Kopf wieder an den Unfallort auf einer Landstraße wandern und plötzlich ist alles wieder so real, als wäre man wieder mitten im Einsatz.

Für das Unterbewusstsein ist es auch so. Besonders belastende Ereignisse lassen sich auch von erfahrenen Einsatzkräften nicht einfach aus den Gedanken streichen. Sicherlich entwickeln Rettungsprofis ihre eigenen Kompensationsmechanismen, um das Erlebte selbst zu verarbeiten.

Um Einsatzkräfte in dieser Situation nicht mit ihren Emotionen allein zu lassen, gibt es bei Behörden und Hilfsorganisationen speziell ausgebildete Mitarbeiter, die eine psychosoziale Notfallversorgung übernehmen sollen. Während sich Kriseninterventionsteams um Angehörige oder beteiligte Ersthelfer kümmern, sind die Helfer der PSNV speziell für ihre eigenen Kollegen im Einsatz. Selbst im Einsatzdienst tätig, verstehen sie die Probleme und Hintergründe bei der emotionalen Verarbeitung entsprechend besser.

Die psychosziale Notfallversorgung besteht dabei aus drei Säulen:

Die erste Säule ist zugleich auch die schwerste: Selbst zu erkennen, dass einen ein Einsatzbild emotional überfordert hat, bzw. dies bei einem Kollegen zu erkennen und diesen damit zu konfrontieren, ist schwer. Die Betroffenen neigen zum Bagatellisieren und beginnen zu verdrängen und geben vor sich selbst oder anderen das psychologische Problem nicht zu. Aber ohne diesen ersten Schritt, kann eine Krisenintervention nicht eingeleitet werden und mit der psychosozialen Notfallversorgung begonnen werden.

Umso wichtiger ist es, sich objektiv selbst zu spiegeln oder eben bei anderen auf folgende Symptomkomplexe zu achten:

Stressreaktionen und -symptome bei emotionaler Überforderung von Einsatzkräften

Physische (körperlich) Symptome

  • Zunahme von Puls und Atmung, Herzrasen
  • Veränderung der Gesichtsfarbe
  • starkes Schwitzen
  • Veränderung des Tonfalls
  • Verschlechterung der Artikulation
  • unkontrollierte Bewegungen von Körperteilen
  • Muskelzittern
  • Übelkeit, Magenschmerzen
  • Erschöpfungserscheinungen
  • Schlafstörungen, Alpträume, etc.

Emotionale (gefühlsmässige) Symptome

  • Trauer und überflutendes Mitleid angesichts des Geschehens
  • Schuldgefühle
  • Aggression gegen die Situation als solche
  • Gefühl genereller Ohnmacht
  • Traurigkeit und niedergedrückte Stimmung
  • Angstzustände, etc.

Kognitive (gedankliche) Symptome

  • eine bedrohlich aufbrechende Sinnfrage angesichts eines offensichtlich sinnlosen Geschehens
  • die abrupte Erkenntnis menschlicher – und damit eigener – Verwundbarkeit und Endlichkeit
  • Abschalten des Verstandes
  • blindes Agieren als Ausdruck kompletter Überforderung
  • Verlust bisheriger Glaubensgewissheit und Wertvorstellung, etc.

Verhaltensbezogen (handlungsabhängige) Symptome

  • überzogene Härte sich selbst und anderen gegenüber
  • Rückzug auf kindliche Verhaltensweisen
  • Erwartungshaltung an andere
  • Verlust des Gefahrenbewusstseins
  • Veränderung des Konsumverhaltens
  • Entwicklung von Süchten
  • Vernachlässigung sozialer Kontakte
  • Suizidgefahr, etc.

Treten die beschriebenen Symptome in Kombination auf, so ist dies keineswegs unnatürlich. Sie sind Teil eines Kompensationsmechanismus, um das Erlebte selbst zu verarbeiten. Sie sind unterschiedlich stark ausgeprägt und schwinden binnen Tagen nach dem traumatisierenden Erlebnis.

Bleiben die Symptome länger als zwei Wochen bestehen, ist professionelle Hilfe dringend zu empfehlen!

Als Folge von belastenden Ereignissen, insbesondere in Einsatzsituationen, können einige psychische Erkrankungen auftreten, z.B. die Posttraumatische Belastungsstörung. Psychische und körperliche Erkrankungen als Folge belastender Ereignisse wirken sich häufig stark auf die Lebensführung und das Lebensumfeld betroffener Feuerwehrangehöriger aus.

Bei gewissen Einsatzmerkmalen sollten Angebote einer Psychosozialen Notfallversorgung in Betracht gezogen werden. Hierzu gehören Einsätze

  • mit toten oder schwerverletzten Kindern
  • bei denen Einsatzkräfte schwer verletzt oder getötet wurden
  • mit persönlich bekannten Verletzen oder Toten
  • wenn sie schwierig und lang andauernd sind
  • nicht geholfen werden konnte

Was können Führungskräfte für ihre Kollegen tun?

Sie sollten eine Struktur zur Psychosozialen Notfallversorgung als Entscheidungshilfe in die Einsatzvorbereitung, in die Einsatzbegleitung und in die Einsatznachsorge integrieren. Die diesbezüglichen Angebote müssen unter dem Aspekt der psychosozialen Fürsorgepflicht gesehen werden. Im Einsatz sollten rechtzeitig der Bedarf einer Psychosozialen Notfallversorgung erkannt und entsprechende psychosoziale Maßnahmen zur Einsatznachsorge vorgesehen werden.

Was können Sie als Betroffener für sich selbst tun?

Erkennen und gestehen Sie sich ein, wenn ein Einsatz für Sie belastend war. Verschaffen Sie sich Ruhe und nehmen Sie sich Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Achten Sie auf Ihre momentanen Bedürfnisse. Unterdrücken Sie Ihre Gefühle nicht. Erwarten Sie nicht, dass die Zeit Ihre Erinnerungen einfach auslöscht. Verbringen Sie Zeit mit Dingen, die Ihnen Freude bereiten. Versuchen Sie in Ihren gewohnten Alltagsablauf zurückzukehren. Zögern Sie nicht, Hilfe einzufordern und anzunehmen.

Was können Angehörige und Freunde für Betroffene tun?

Angehörige und Freunde können Veränderung nach belastenden Einsätzen erkennen. Ihr Verständnis kann dazu beitragen, dass die Betroffenen mit dem Erlebten zurechtkommen. Wenn Feuerwehrangehörige über ihre Erlebnisse sprechen wollen,

  • hören Sie zu,
  • nehmen Sie sich viel Zeit und
  • nehmen Sie die Gefühle des anderen ernst.

Ebenfalls können Sie mit praktischer Unterstützung helfen, dass Einsatzkräfte ihren gewohnten Tagesablauf wiederaufnehmen können.

Wer organisiert die psychosoziale Notfallversorgung im Ernstfall?

Die Maßnahmen der psychosozialen Notfallversorgung dienen der Gesunderhaltung der Einsatzkräfte. Die Verantwortung zum Angebot und der Durchführung liegt deshalb bei den Führungskräften.

Unterstützung zur Betreuung von Betroffenen anfordern
Auch zunächst harmlos erscheinende Einsatzsituationen können für Einsatzkräfte belastend sein, wenn sie sich beispielsweise mit der Betreuung von Betroffenen an Einsatzstellen auseinandersetzen müssen. Hier sollten die allgemeinen Einsatzkräfte baldmöglichst durch Fachkräfte der Notfallseelsorge und aus der Krisenintervention ersetzt werden.

Psychosoziale Notfallversorgung als Führungsaufgabe verstehen und berücksichtigen
Für jedes Einsatzbild gibt es einen Fachkreis, für jede Erkrankung einen Facharzt in einer Fachklinik. Doch bei der psychosozialen Notfallversorgung neigen Einsatzleiter manchmal zum Improvisieren. Überfordern Sie ihre Helfer nicht und fordern Sie Beratung zu diesem Thema bereits während des laufenden Einsatzes an. So können Sie sich als Einsatzleiter um die Einsatzursache kümmern und übergeben die Helferbetreuung in den dafür ausgebildeten Fachkreis.

Nachsorgeangebote für alle Einsatzkräfte anbieten

Angebote zur Psychosozialen Notfallversorgung als Hilfe zur Selbsthilfe sind freiwillig für die am Einsatz beteiligten Feuerwehrangehörigen.

Jeder Einsatzleiter/Wachleiter/Revierleiter/etc, kann für seine Einsatzkräfte diese Hilfe nach einem belastenden Ereignis anfordern.

Auch jede Einsatzkraft sollte die Möglichkeit haben, für sich persönlich Hilfe einzufordern. Verschwiegenheit ist hierbei selbstverständlich.

In außergewöhnlichen Lagen (z.B. Tod eines Kameraden) kann es auch erforderlich werden, die Betreuung von Einsatzkräften vor Ort sicher zu stellen.

 

Quellen

Müller-Cyran, A.; Zehentner, P.: Wenn der Tod plötzlich kommt: Vom Umgang mit Schicksalsschlägen – Das Kriseninterventionsteam im Einsatz.

Waterstraat, F.: Handbuch „Psychische Belastungen im Feuerwehreinsatz“ . SchönewothVerlag, Hannover. 2009, 2. Auflage. Heyne Verlag, 2013.

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