Das Stethoskop ist wohl mit das wichtigste Arbeitsgerät der täglichen, medizinischen Praxis. Obwohl alle Stethoskope denselben Zweck erfüllen sollen, nämlich das Abhören von Körpergeräuschen zu erleichtern, unterscheiden sich moderne Stethoskope je nach ihrem Anwendungsgebiet deutlich voneinander – vom einfachen Schwesternstethoskop zur Blutdruckmessung bis hin zum elektronisch verstärkten Schallaufzeichner. Doch welches Stethoskop ist das Richtige für mich? Und wie benutze ich das Stethoskop richtig? Kaufberatung und praktische Tipps für professionelle Anwender.

Mit der Erfindung des Stethoskops im Jahre 1816 durch René Théophile Hyacinthe Laënnec endete auch kurz darauf die Ära des Urinbechers, der bislang als Symbol für die ärztliche Kunst galt. Die Urinschau wurde als Kernkompetenz des Arztes durch eine weitaus appetitlichere Untersuchungsform aus der medizinischen Praxis ersetzt, nämlich der Auskultation, also dem Abhören von Körpergeräuschen wie Herzschlag, Atmung oder Verdauungsgeräuschen.

Das Stethoskop ist eines der ersten medizinischen Geräte, das jeder Sanitäter, jeder Pflegeschüler und jeder Medizinstudent für sich ganz persönlich besitzen sollte – allein schon vom hygienischen Aspekt her betrachtet. Zudem ist das eigene Stethoskop einfach auch ein Statement und persönlicher Ansporn, nun in der Medizin angekommen zu sein und sein Bestes für die anvertrauten Patienten zu geben. Es zu tragen, fühlt sich wie eine Medaille an.

Doch wer sein erstes eigenes Stethoskop kaufen möchte, muss sich zunächst darüber klar werden, für was er es benutzen möchte und welches Budget zur Verfügung steht. Diese zehn Punkte sollen bei der Qual der Wahl des richtigen Stethoskops helfen und die richtige Anwendung beim Auskultieren erleichtern.

1. Muss ein Stethoskop teuer sein?

Es muss nicht, aber es kann. Stellen Sie sich selbst die Frage, für was Sie das Stethoskop anschaffen und in welchem Umfeld Sie es einsetzen. Die Gefahr von Beschädigung oder Verlust ist im präklinischen Bereich der Notfallrettung immer gegeben. Wenn zudem nur einfache Aufgaben, wie etwa die Blutdruckmessung, mit dem Stethoskop erfolgen sollen, dann ist ein Einweg- oder Billig-Stethoskop in Bauform des Flachkopfstethoskops mit nur einer Membranseite ausreichend.

Sollen damit aber auch Herz und Lunge untersucht werden, geraten die günstigen Geräte schnell an ihre akustischen Leistungsgrenzen. Wer dann nicht ein perfektes Gehör besitzt, wird am Ende zu einer falschen Diagnose gelangen, da er die wichtigen Frequenzen nicht zu hören bekommt. Hier gibt es Doppelkopfstethoskope mit einer Membranseite, welche für die höher frequenten Atem- und Darmgeräusche geeignet ist, sowie einer Trichterseite für die tiefen Frequenzen, die bei der Auskultation des Herzens beurteilt werden. Im unteren Preissegment sind Doppelkopfstethoskope mit einem Doppelschlauch erhältlich, also mit separaten Geräuschleitungen zum rechten und linken Ohr. Diese sind jedoch störungsanfällig, wenn die beiden Schläuche bei Bewegung aneinander reiben und somit Artefakte erzeugen (Preisklasse bis 30 Euro).

Einschlauch-Stethoskope mit Doppelkopf sind ab 60 Euro zu haben. Meist haben sie zum Schlauchsystem noch einen externen Bügel, der das Stethoskop in Form hält. Wen dieser stört, weil sich Schmutz oder Haare darin verfangen, wählt ein Schüler- und Studentenmodell mit Einschlauchtechnik und Doppelkopf ohne externen Bügel. Diese sind ab 80 Euro zu haben.

Stethoskope für den kardiologischen Einsatz sind teuer, leisten aber auch mehr (ab 200 Euro). Die Varianten mit elektronischem Schallverstärker sind dem Facharzt vorbehalten. Aber auch sonst macht die Anschaffung eines Kardiologie-Stethoskops nur dann Sinn, wenn der Anwender auch beurteilen kann, was er hört – und dazu braucht es viel Erfahrung.

2. Lernen Sie Ihr Stethoskop kennen

Einem guten Stethoskop liegt neben einer genauen Pflegeanleitung meist eine Auswahl an Ohrstücken bei. Neben den bei günstigeren Produkten überwiegend verwendeten harten Plastikkappen gibt es gummierte, weiche Ohrstücke in Olivenform. Finden Sie einfach selbst das für Sie angenehmste Ohrstück und stellen Sie den Bügel auf Ihre Kopfform ein.

Zusätzlich sollte dem Stethoskop eine kurze Bedienungsanleitung beiliegen, die alle Funktionen erklärt und beispielsweise beschreibt, wie zwischen Membran- und Trichterseite am Doppelkopf-Bruststück (so wird der distale Abschnitt des Stethoskops genannt, der den Patienten berührt) gewechselt werden kann. Eine CD oder ein Verweis auf eine interaktive Website mit auskultierbaren Körpergeräuschen zum theoretischen Üben vervollständigen ein gutes Set.

3. Sauber bleiben

Gut, es ist Ihr Stethoskop. Aber in der Praxis wird gerne mal getauscht, getreu dem Motto: „Hör Dir das mal an, ich bleib drauf und Du hörst schnell mit meinem…“. Sauberkeit ist in der Medizin ein Muss, da dürfen die Ohren nicht fehlen. Nach jedem Patienten werden das Bruststück und nach jedem Ausleihen auch die Ohrstücke gereinigt und desinfiziert. Das Stethoskop fungiert sonst als potentieller Vektor und könnte dazu beitragen, auch gefährliche Keime wie MRSA zu übertragen!

4. Wenn Sie mal nichts hören, …

… der Patient aber vital und freudig in Ihr Gesicht blickt, dann überprüfen Sie zunächst, ob ein Fehler im Schalltransport des Stethoskops vorliegen könnte, bevor Sie eine Reanimation einleiten. Häufig ist der Winkel des Ohrstücks verstellt und die Öffnung am Hörer des Stethoskops mündet nicht in den eigenen Gehörgang.

Als Nächstes sollten Sie die Einstellung des Doppelkopf-Bruststücks überprüfen und es gegebenenfalls auf die gewünschte Kopfseite neu ausrichten.

Bei verschraubten Stethoskopen könnte sich eine schallleitende Verbindung gelockert haben, die Sie einfach wieder anziehen können. Im schlechtesten Fall ist der Schlauch selbst beschädigt, da Desinfektionsmittel den Gummi spröde und ein unsachgemäßer Transport in der Kitteltasche den Schlauch geknickt und gebrochen haben. Wenn dies dann auch mit viel Leukoplast nicht mehr zu retten ist, haben Sie den besten Grund, sich ein neues Stethoskop zu kaufen.

5. Auf die Technik kommt es an

Die körperliche Untersuchung, insbesondere das Abhören, ist ein Vertrauen schaffendes Moment in der Arzt-Patient-Beziehung. Sie bauen einen körperlichen Kontakt auf, den der Patient interpretiert: Hat mein Arzt kalte Hände? Zittert er etwa? Bin ich bei ihm gut aufgehoben? Beim Abhören kann eine erste Vertrauensbasis geschaffen werden, wenn Sie die einzelnen Schritte konzentriert und souverän durchführen:

  • Stellen Sie die Ohrmuscheln ein: Biegen Sie dazu die beiden Ohrstückarme leicht nach vorne, so dass später beim Tragen eine gedachte Linie zwischen Ohrstück und Ihrer Nasenspitze entsteht. In diesem Winkel enden die Öffnungen der Ohrstücke vor dem Gehörgang und der Schall kann Ihr Trommelfell direkt erreichen.
  • Drehen Sie den Kopf des Stethoskops auf die richtige Seite: Wenn Sie ein Doppelkopf-Bruststück verwenden, lässt sich dieses meist um 180 Grad verdrehen und rastet dann ein. Vergewissern Sie sich, welche Seite bei Ihrem Stethoskop wie aktiviert wird. Meist ist eine optische Markierung an der aktiven Seite angebracht oder es wird eine Öffnung im Zentrum des Trichters sichtbar.
  • Bei der Blutdruckmessung am Oberarm: Stellen Sie sicher, dass das Stethoskop direkt über der Arteria brachialis aufliegt. Diese können Sie vor dem Aufpumpen der Manschette ertasten. Anschließend die Membranseite auflegen. Im Idealfall sollte der Stethoskopkopf nicht festgehalten werden, da durch die Bewegung der Finger beim Halten Störgeräusche entstehen.

6. Hautkontakt aufnehmen

Der Ton, den Sie abhören möchten – ob an Herz oder Lunge – verliert an Qualität, wenn er durch die Kleidung des Patienten gedämpft wird. So gilt auch beim empfindlichsten Stethoskop: Die Kleidung muss weg und das Stethoskop immer direkt auf der Haut aufliegen.

7. Umgebungsgeräusche reduzieren

In einer Notaufnahme, am Einsatzort und gerade beim Transport von Patienten kann es ziemlich laut sein. Auch wenn die Ohrstücke gut dichten, erschweren Umgebungsgeräusche immer eine akustische Untersuchung. Schließen Sie daher Türen, ziehen den Sichtschutz vor oder fordern Sie das Umfeld zu einem kurzen Moment der Ruhe für die Untersuchung auf.

Im Rettungswagen können Sie nicht für jede Kontrollmessung des Blutdrucks anhalten. Zwei Tricks für weniger Störgeräusche: Wenn Sie stehen, stellen Sie sich auf die Zehenspitzen. Sitzen Sie neben dem Patienten, können Sie Ihre Füße auf den Rand der Trage setzen. Das reduziert die auf Sie wirkenden Vibrationen des Fahrzeugs und reduziert hörbar einen Teil der Störgeräusche.

8. Druck auf dem Ohr? Nicht knacken!

Ein Problem, das sich vor allem bei der Höhenrettung oder an Bord eines Hubschraubers ergeben kann: Sie wollen abhören, haben aber ein Druckgefühl auf den Ohren. Die Meisten von uns können ihr Trommelfell absichtlich knacken lassen, um einen Druckausgleich zu erzwingen. Mit aufgesetztem Stethoskop funktioniert dies nicht! Im Gegenteil: Der Druck kann auch nicht nach außen entweichen und presst sich weiter in den Gehörgang. Das kann schmerzhaft sein und das Hörvermögen kurzzeitig vermindern.

9. Schwindeln Sie nie!

Egal was Sie tun, Sie können nichts hören? Das hat meist einen Grund, der nicht an Ihren Fähigkeiten liegt. Jetzt sollten Sie auf keinen Fall Ihren Verdacht oder Ihre Erwartung an einen Blutdruck oder ein Lungengeräusch als gehörte Diagnose nennen. Lassen Sie zur Kontrolle einen Kollegen die Messung wiederholen. Kommt er zum selben Schluss, sind Sie einer Diagnose näher als durch einen vielleicht sogar richtig geratenen Befund.

10. Wenn es alle hören, nur Sie nicht…

Alle hören mit Ihrem Stethoskop das basale Rasselgeräusch, nur Sie selbst nicht? Nicht mal den eigenen Herzschlag können Sie klar ermitteln? Dann sollten Sie sich einer Audiometrie unterziehen und sicherheitshalber Ihre Hörfähigkeit ermitteln lassen. Vielleicht hat exzessiver Musikgenuss über Kopfhörer doch den Schaden hinterlassen, den Ihnen Ihre Eltern immer prophezeit hatten?

Wer diese zehn Punkte rund um sein Stethoskop beherzigt, wird viel Freude mit seinem Statussymbol haben. Ja, das sind Stethoskope auch – und darum dürfen auch Farbe und Marke durchaus ein Kaufkriterium sein.

Viel Erfolg beim Auskultieren! Lassen Sie uns gerne praktische Tipps zum Thema in einem Kommentar da – DANKE!

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