Angst oder Gleichgültigkeit? Das ist hier die Frage, die Shakespeare seinen Hamlet hätte stellen lassen können. Denn darüber wundern sich viele Einsatzkräfte, die beim Eintreffen am Einsatzort völlig unversorgte Patienten vorfinden, umringt von dann plötzlich passionierten Hobby-Ärzten mit „Grey’s-Anatomy“-Fortbildungszertifikat oder hanebüchenen Rettungstipps im Stil eines MacGyvers. Es gibt wohl immer noch zu viele Mythen, warum Passanten lieber wegschauen, als Ersthelfer zu sein, obwohl nur das Nichtstun im Notfall wirklich bestraft wird.

Kinder wissen offensichtlich noch, wie man sich als Ersthelfer verhält: „Ich würde ihn fragen, was er hat und ob ihm was weh tut.“ Darüber sind sich die Kinder auf dem Spielplatz im Süden Münchens einig, denen wir diese Frage spontan gestellt haben. „Man kann ihm ein Pflaster geben.“, meint die sechsjährige Julia und der vierjährige Amir, der selbst erst vor wenigen Monaten mit seiner Familie aus Syrien nach Deutschland gekommen ist, versteht zwar die Sprache seiner neuen Freunde an der Schaukel noch nicht wirklich, erkennt aber, warum es bei unserem Gespräch zu gehen scheint und hält uns plötzlich spontan sein Stofftier hin. Den zottigen, etwas abgegriffene Plüschhund streckt er uns mit den Worten „Hier, lieb!“ entgegen und schafft das, was Erwachsene scheinbar verlernen: Trost spenden. Doch warum schauen wir Großen lieber weg? Warum bekommen wir Angst, wenn wir einfach nur menschlich handeln müssten?

Viele Menschen scheinen keine Erste Hilfe leisten zu wollen, weil sie Angst vor rechtliche Konsequenzen haben. Dabei wird in Deutschland nur das Wegschauen bestraft! 

„Ich wollte ja helfen, aber…“

Für den Gesetzgeber gibt es hier so gut wie keine Ausnahmen, die bei obigem Satz zu einer nachvollziehbaren Entschuldigung führen, warum absolut gar keine Erste-Hilfemaßnahmen erfolgen konnten. Denn selbst körperliche Einschränkungen, Behinderungen oder Altersgebrechlichkeit,  befreien nicht von der Pflicht zur Hilfeleistung.

StGB § 323c: Unterlassene Hilfeleistung

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Es geht also um die Zumutbarkeit, welche Hilfe geleistet werden kann. Für Rettungskräfte birgt dies die Gefahr, dass auch im Privatleben mehr Hilfeleistung erwartet werden kann, als von einem Laien, auch wenn man als Notfallsanitäter ohne seinen Notfallkoffer oder Einsatzrucksack ziemlich alleine dasteht und die Minuten bis zum Eintreffen der Kollegen schier unendlich lang werden. Doch simple Maßnahmen wie Trost spenden, zuhören und für den Verletzten oder Erkrankten einfach nur da zu sein, reichen zur Erfüllung der Pflicht zur Hilfeleistung schon aus. Und wer wirklich Angst um sein eigenes Wohl hat oder dem eine praktische Hilfeleistung nicht zumutbar ist, der kann zumindest immer Hilfe holen, selbst wenn der Handy Akku leer ist: Lautes Rufen funktioniert!

Jeder kann helfen, aber nicht jeder gleich

Haben Sie schon einmal am Einsatzort in die Runde der Passanten die Frage geworfen, warum sich keiner um den Verletzten gekümmert hat? Da wandern die Blicke plötzlich in den Boden und der Abstand der Neugierigen wird wieder um ein paar Meter größer. Einzelne renitente Zeitgenossen gehen aber auch mal in die Offensive und bringen für sie völlig schlüssige Argumente für das Nicht-helfen vor. Wir haben die beliebtesten Ausreden für Erste-Hilfe-Verweigerer aus Gesprächen mit Einsatzkräften und Ausbildern für Kurse in Erste-Hilfe und Lebensrettende Sofortmaßnahmen zusammengetragen – und was Sie diesem Unsinn entgegnen können:

Ich hatte wirklich keine Zeit

Was dem Sprecher dieses Satzes absolut plausibel vorkommt, lässt den Einsatzkräften die Haare zu Berge stehen. Doch im morgendlichen Stress auf dem Weg zur Arbeit, immer die Stechuhr oder das erste Meeting vor Augen, verlieren manche Menschen die Relationen aus den Augen. Und ja, es gibt Vorgesetzte, die ein Zuspätkommen wegen eines Unfalls, bei dem man Erste Hilfe leisten musste, nicht verstehen werden und den Angestellten deshalb attackieren. Und um das zu vermeiden, wird aus Angst weggeschaut. In fast jedem Ersthelferkurs sitzt auch ein Teilnehmer, der jemanden kennt, dessen Nachbar sein Kollege genau deshalb gekündigt wurde… Ernsthaft? Uns ist kein einziger Fall bekannt, bei dem dies wirklich passiert ist. Weisen Sie diese Personen auch darauf hin, welche Ängste sie durch das Verbreiten solcher urbanen Legenden schüren und welche Konsequenzen das für den Verängstigten und vor allem für die Person hat, der deshalb nicht geholfen wurde.

Die Frau, nachts, allein auf der Landstraße

Leider gab und gibt es bei diesem Szenario tatsächlich auch Beispiele, bei dem Autofahrer in eine Falle gelockt wurden und werden. Die Angst vor einem Überfall oder einem sexuellen Übergriff kommt daher nicht von ungefähr. Hier gilt aber wieder das Prinzip der Zumutbarkeit. Niemand verlangt von der Frau aus diesem Beispiel, aus dem Fahrzeug auszusteigen, wenn die Angst wirklich nachvollziehbar ist. Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten der Pflicht zur Hilfeleistung nach zu kommen: Unfallstelle Absichern. Dazu reicht es im verschlossenen Fahrzeug zu sitzen und den Warnblinker einzuschalten. Notruf absetzen: Mit dem Handy 112 anrufen – auch ohne Gesprächsguthaben. Und wenn der Akku leer ist und keine weiteren Passanten in absehbarer Zeit zum Unfallort hinzukommen? Dann geht es zur nächsten Notrufsäule oder Tankstelle, wo auch immer ein Notruf abgesetzt werden kann. Dies ist KEIN unerlaubtes Entfernen vom Unfallort.

Die Angst vor psychischer Überforderung

Es sind vor allem die Unfallszenarien, die Ersthelfer vor der Hilfeleistung abschrecken. Die Angst davor, selbst zum Opfer zu werden, weil man kein Blut sehen kann oder sich einem ein schockierender Anblick bietet lässt unseren Fluchtinstinkt aufleben. Im EH-Kurs kennt in der Zwischenpause immer ein Teilnehmer die Geschichte vom geplatzten Kopf im Helm des Motorradfahrers… Als erfahrene Einsatzkraft können Sie dem entgegnen, dass dies physikalisch unmöglich ist. Eher geht der Helm zu Bruch. Auch hier ist ein Appell an den Erzähler gefordert, der unnötig Ängste unter den Kursteilnehmern entfacht.

Schreckgespenst: Anzeige gegen den Ersthelfer

Der Ersthelfer will helfen und befreit einen Verunfallten aus dem Auto. Er zerschneidet den Gurt. Hinterher bekommt er dafür eine Rechnung. Dann versorgt er eine blutende Wunde und muss mit der Verbandschere die Kleidung des Verletzten zerschneiden. Auch die Designermode wird nun in Rechnung gestellt… Absoluter Unsinn. Schöner lässt sich das nicht ausdrücken. Alle Maßnahmen, die dem Zweck der Rettung und dem Leisten der Ersten Hilfe dienen, sind gedeckt. Dafür wurde noch nie ein Ersthelfer zur Kasse gebeten. So wie die Hilfeleistung zumutbar sein soll, so muss die Durchführung auch gerechtfertigt sein. Wer einen Verletzten in sein Auto lädt und über jede rote Ampel zum nächsten Krankenhaus rast, überschreitet die Grenze des Schutzes, den Ersthelfer tatsächlich genießen. Auch gute Absichten können dann nicht mehr mit dem Paragraph 34 StGB zum „rechtfertigen Notstand“ entschuldigt werden, wenn sie eben übertrieben werden.

Am Ende hol ich mir noch was und bleibe auf den Kosten sitzen

Sicher? Ja, Ersthelfer werden vom Fachpersonal aus Feuerwehr und Rettungsdienst meist schnell zur Seite genommen. Platz für die Profis… aber den brauchen sie auch. Wer dann plötzlich mit verdreckter Kleidung und leerem Verbandkasten neben seinem überfahrenen Warndreieck steht, während der Rettungswagen davonbraust, fragt sich zurecht, ob sich so die heimlichen Superhelden ähnlich fühlen, wenn sie wieder in ihrem Alltag abtauchen. Doch jeder Ersthelfer ist bei der Ausübung seiner Pflicht über die gesetzliche Unfallversicherung (GUV) versichert. Sollte sich ein Ersthelfer bei der Hilfeleistung verletzten, übernimmt die GUV die Arztkosten, es gibt sogar Verletztengeld bis hin zur Verletztenrente. Ebenso erstattet sie die Reinigungskosten für Kleidung und sorgt für eine neue Füllung des Kfz-Verbandkasten.

Gefährlich ist also für Ersthelfer nur eines: Wegschauen. Das kostet Geld, eventuell die Freiheit und um schlimmsten Fall das Leben eines anderen. DAS sollte niemand riskieren.

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