Das „Versprechen“ und „sich zu versprechen“, liegen sprachlich ganz nah beisammen. Während wir uns täglich durchschnittlich 200 Mal versprechen, sollten wir die Zahl unserer Versprechungen deutlich geringer halten und auf die reduzieren, die wir auch halten können. Doch manchmal werden von uns Zusagen erwartet, die wir zwar gerne halten wollen, aber nicht können. Und dennoch geben wir sie. So wie in dieser Geschichte, die uns sehr bewegt hat:

Die Tin Can Bay liegt etwa zweieinhalb Autostunden nördlich von Brisbane, der Hauptstadt des Bundesstaates Queensland in Australien. Auch wenn uns rund 16.000 Kilometer von diesem Ort trennen, haben wir bei corpuls eine besondere Verbindung in die nordöstlichste Ecke Australiens: Der staatliche Rettungsdienst Queensland Ambulance Service setzt seit 2014 auf den corpuls3, wenn es um die optimale Versorgung der Patienten geht. Aus dieser Region erreichte uns jüngst eine Geschichte, die wir der Welt erzählen möchten. Sie handelt von zwei mutigen Männern, zwei Kindern in Seenot und einem großen Versprechen: Ich lass Dich nicht sterben.

Es war einer der heißesten Sonntage im Februar dieses Jahres. In Australien ist es gerade Sommerzeit. Vor allem am Morgen kommen dann viele Menschen an den Strand der Tin Can Bay, die bei Delfinfans als Geheimtipp gilt: Vor mehreren Jahrzehnten war hier ein verletzter Delfin gestrandet, den die Anwohner retteten. Sie pflegten und fütterten ihn, bis er nach wenigen Wochen wieder ins Meer entlassen werden konnte. Dem schlauen Meeressäuger gefiel die Gastlichkeit der Menschen so gut, dass er in den darauffolgenden Tagen immer wieder an den Strand zurückkehrte und den Kontakt zu seinen Rettern suchte. Zunächst er allein, doch schon bald brachte er seine Familie mit, die in höflicher Deflinart um Futter bat.

Delfinfütterung in der Tin Can Bay (Foto: Tourism and Events Queensland)

Morgenritual: Täglich um 8 Uhr kommen die Delfine in die Tin Can Bay und lassen sich füttern. (Foto: Tourism and Events Queensland)

Auch wenn jener erste Delfin leider nicht mehr mit seiner Familie schwimmt, kehrt bis heute eine Gruppe von derzeit neun Delfinen jeden Morgen an den Strand der Tin Can Bay zurück. In dem kleinen Fischerort wurde inzwischen das Barnacles Dolphin Centre errichtet, das zur Fütterung um 8 Uhr jeden Tag unzählige Delfinfreunde aus der ganzen Welt und stets die neun hungrigen großen Tümmler anlockt.

ICH SAH SOFORT: DA STIMMT ETWAS NICHT

Als Adam Whitehouse an jenem Sonntagnachmittag am Norman Point unweit des Delfinzentrums ankommt, sind keine Delfine zu sehen. Der Wind hat deutlich aufgefrischt und kräuselt das Wasser immer stärker. Der 49-Jährige will gerade schwimmen gehen, als er in der Bucht zwei Jungen im Wasser erblickt, denen der Wind ihre Luftmatratze entrissen hat. Geistesgegenwärtig erkennt er die Notsituation: Der ablandige Wind ist inzwischen so stark geworden, dass er die Kinder im Alter von acht und neun Jahren auf das Meer hinaustreibt. Die Wellen sind zudem so hoch, dass die beiden Jungen immer wieder unter Wasser gedrückt werden.

Whitehouse springt ohne zu zögern ins Wasser. Doch der Seegang setzt auch ihm stark zu, so dass er die Jungen erst Minuten später erreicht. Mit letzter Kraft klammern sie sich an Whitehouse, der, mit beiden Kindern im Arm, sich selbst kaum über Wasser halten kann.

ICH LASS DICH NICHT STERBEN!

Wie lange Whitehouse im Wasser war, kann er rückblickend nicht mehr einschätzen. Doch der Kampf ums Überleben muss gefühlt eine Ewigkeit gedauert haben. Whitehouse versucht nicht selbst unterzugehen. Dabei hält er wechselweise einen der beiden Jungen über Wasser, während sich der andere wieder an ihn klammert. Mit schwindenden Kräften fleht ihn der Neunjährige plötzlich an: „Bitte lass mich nicht sterben!“

Das sind die Worte, die Whitehouse nicht vergessen kann. „Ich versprach ihm, ihn zu retten“, erzählt der Kraftfahrer aus dem Ort Kybong mit starrem Blick im Interview mit der Gympie Times. Es ist ein Versprechen, das Ersthelfern, Einsatzkräften und Ärzten immer wieder abgerungen wird und das wir, die wir mit kranken und verletzten Menschen arbeiten, nur zu gerne geben wollen: Ich lass Dich nicht sterben!

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ICH DACHTE, DAS WAR MEIN LETZTER ATEMZUG

Wenige hundert Meter entfernt streicht Graeme Spillman gerade seine Yacht. Auch er sieht die beiden Jungen mit dem Erwachsenen im Wasser. Für ihn stellt sich alles zunächst als normaler Badespaß eines Vaters mit seinen Kindern dar. Erst als er einige Minuten später eine Pause einlegte, bemerkt Spillman den Kampf ums Überleben in seiner unmittelbaren Nähe: „Einer der Köpfe im Wasser war plötzlich verschwunden und sie trieben mit der Strömung weiter vom Strand ab“, erinnert er sich. Spillman springt in sein Beiboot und ist nur wenig später bei Whitehouse und den Jungen. Der Achtjährige klammert sich weiter an Whitehouse, der indes versucht den Kopf des älteren Jungen über Wasser zu halten.

Spillman packt die Kinder und zieht sie in sein Boot. Doch für Whitehouse reichen auch seine Kräfte nicht aus und das Dinghy droht unter der Last zu kentern. „Als ich die beiden Jungen an Bord hatte, verließen ihn buchstäblich alle Kräfte“, schildert Spillman die dramatischen Sekunden der Rettung. Völlig entkräftet gibt sich Whitehouse in diesem Moment selbst auf. „Ich dachte, das war mein letzter Atemzug“, davon ist der 49-Jährige überzeugt.

Doch Spillman gibt auch ihn nicht auf. Er packt die Hand von Whitehouse und bindet sie an eine Klampe seines Boots und schleppt ihn an Land. Dort sind nun auch andere Strandbesucher auf das Unglück aufmerksam geworden. Zwei unbekannte Männer eilen Spillman zur Hilfe und ziehen das Boot mit den Kindern und Whitehouse im Schlepptau auf den rettenden Sand. An den dunkelhäutigen Helfer mit seinen Rastalocken erinnern sich Spillman und Whitehouse noch beide: „Er hat sofort mit der Wiederbelebung begonnen und andere bei der Versorgung des zweiten Jungen angeleitet.“

Wenige Minuten später treffen die Rettungskräfte des Queensland Ambulance Service ein und übernehmen die Versorgung der drei Geretteten. Doch für den Neunjährigen kommt die Hilfe zu spät. Er verstirbt noch am Strand.

Nach dem Einsatz: Alleine mit den Gefühlen

Wenige Wochen nach dem Ereignis kommen Whitehouse und Spillman nicht über das Erlebte hinweg. Whitehouse, der ohne zu zögern sein Leben für die beiden Jungen riskierte, sieht sich keineswegs als Held. Er kann das Flehen des Jungen um sein Leben nicht vergessen und sein Versprechen, das er nicht halten konnte. Für ihn ist Spillman der wahre Retter. Denn wäre er nicht mit seinem Boot zu Hilfe gekommen, wäre er zusammen mit den beiden Kindern ertrunken. „Ich bin vielleicht für den kleinen Jungen der Held, aber er ist der Retter für uns beide“, drückt Whitehouse seinen Dank aus.

Adam Whitehouse & Graeme Spillman

Bescheidene Helden: Adam Whitehouse (li.) und Graeme Spillman retteten zwei ertrinkende Kinder aus dem Meer, doch nur einer überlebte. Beide machen sich deshalb bis heute selbst Vorwürfe. (Foto: Gympie Times/Jacob Carson)

Während Einsatzkräfte im Laufe der Dienstzeit einen professionellen Umgang mit traumatischen Ereignissen entwickeln, sind Ersthelfer oftmals mit ihren Gefühlen auf sich alleine gestellt. Für die Profis sind spezielle Stellen und Einsatzdienste, wie die der psychosozialen Notfallversorgung von Einsatzkräften (PSNV-E), eingerichtet und werden auch gut angenommen. Ersthelfer hingegen ziehen sich meist in sich zurück, um das Erlebte zu verarbeiten. Das Netzwerk aus Familie, Freunden und Arbeitskollegen übernimmt hier eine teils nicht zu bewältigende Aufgabe, obgleich auch für die Ersthelfer die fachliche Betreuung in Form von Kriseninterventionsteams und Notfallseelsorgern bis hin zur langzeitigen psychologischen Betreuung über Fachärzte gesichert ist. Oftmals wissen dies die Ersthelfer aber einfach nicht.

Idee: Info-Visitenkarten mit Anlaufstellen ausgeben

Als Einsatzkräfte oder in der Klinik sind wir nicht nur mit der Versorgung der Einzelperson betraut, sondern haben auch Verantwortung für die Ersthelfer oder Angehörigen der Verletzten oder erkrankten Person. Oftmals reicht am Einsatzort aber dafür die Zeit nicht aus. Auch ein Gespräch in der Klinik oder Praxis mit diesen Personen muss oft aus Zeitnot entfallen. Gerade Einsatzkräfte sollten sich auf dieses Bedürfnis vorbereiten. Eine Visitenkarte mit wichtigen Telefonnummern, etwa der nächstgelegenen Klinik, einer Bereitschaftspraxis und vor allem auch die der Telefonseelsorge ist einfach mitzuführen und kann für die Betroffenen eine echte und konkrete Hilfe bieten. Sie sollte routinemäßig vor dem Transport an die zurückbleibenden Personen übergeben werden. Sie stellt zugleich auch ein Symbol der Wertschätzung für die geleistete Erste Hilfe dar.

Was halten Sie von dieser Idee? Wo wird etwas Ähnliches bereits eingesetzt und wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Quellen:

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