Jeden Tag werden hunderte Bomben auf Syrien abgeworfen. In einem Land, gespalten zwischen Regierungsgebieten und oppositionellen Besatzungszonen verschiedenster Rebellenverbände, werden politische und religiöse Konflikte auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen. Im Chaos aus Bombardements, Anschlägen und Attentaten sterben jeden Tag hunderte Menschen und mit ihnen täglich ein Stück der Menschlichkeit, in dem einst so prächtigen Land. In all der Dunkelheit leuchtet ein Licht humanitärer Hilfe in weiß aus dem Rauch und Staub über den Trümmern der Städte hervor: Es sind die White Helmets, die Weißhelme. Aber wer sind die freiwilligen Ersthelfer? Ein Blick in den Zivilschutz von Syrien.

Eigentlich könnte der Beitrag hier auch schon wieder enden, denn einen syrischen Zivilschutz gibt es nicht. Zumindest als staatliche Organisation. In Syrien kümmern sich die Bürger selbst darum. Menschen, die keinen Krieg wollen. Frauen und Männer, die eigentlich nur Eines möchten: leben. Vor wenigen Tagen endeten Gespräche zwischen der syrischen Regierung und der Opposition im kasachischen Astana. Als „erfolgreich“ und „wichtigen Beitrag zum Frieden in Syrien“ bezeichneten die Politiker dort die Verhandlungen. Das syrische Volk aber jubelte nicht. Zu oft haben sie solche Sätze in den vergangenen Jahren schon gehört. Zu oft wurde ein Waffenstillstand verkündet. Doch er wurde jedes Mal wieder gebrochen.

BÜRGERKRIEG IN SYRIEN: DIE WELT SCHAUT ZU

So geht der Bürgerkrieg vor den Augen der Welt weiter. Eine militärische Einmischung im Sinne einer Friedensmission der Blauhelme ist für die Vereinten Nationen derzeit nicht möglich. Das Handeln einzelner Staaten wie Frankreichs zur Entsendung eines Flugzeugträgers, wird selbst innerhalb der Europäischen Union kontrovers diskutiert. Die Angst vor Anschlägen des Islamischen Staats (IS) im eigenen Land aufgrund einer Einmischung in Syrien ist auch in Deutschland ein Thema. Die Deutsche Bundesregierung zeigt sich ebenfalls zurückhaltend: Sie möchte durch die Aufnahme von Flüchtlingen einen Beitrag der Menschlichkeit leisten. Bei der Vergabe von Fördergeldern für humanitäre Zwecke vor Ort in der syrischen Region lässt sie große Vorsicht walten.

HILF DIR SELBST, DANN HILFT DIR…

.. ja wer hilft dann eigentlich? Einer der Punkte der auch religiös motivierten Auseinandersetzungen in Syrien. Doch den angeblichen Grund für den Krieg haben die Parteien längst aus den Augen verloren. Es geht einfach immer weiter. Und die Bevölkerung leidet.

Als im Jahr 2013 mit dem Bombardement von Wohngegenden in von Rebellen kontrollierten Gebieten begonnen wurde und der Krieg endgültig eskalierte, gab es keine Strukturen wie einen Katastrophenschutz, der die Versorgung der Verletzten und Überlebenden mit medizinischen Gütern, Wasser und Lebensmitteln übernehmen konnte. Da auch die internationale Gemeinschaft nicht eingriff, entschloss sich der ehemalige Offizier der britischen Armee James Le Mesurier eine gemeinnütze Organisation zu gründen, die humanitäre Hilfe inmitten der Kriegsschauplätze der Städte wie Aleppo, Homs oder Damaskus leisten sollte: The White Helmets – die Weißhelme.

DIE WEISSHELME STEHEN FÜR DAS WAHRE SYRIEN

Die Weißhelme werden auf rund 2850 aktive Freiwillige geschätzt. Sie sind an über hundert Standorten in allen Provinzen Syriens stationiert. Sie wollen den Menschen in den Regionen aktiv helfen, in die sonst niemand freiwillig geht und zu denen selbst internationalen Hilfsorganisationen der Zutritt verwehrt bleibt, beziehungsweise die ihre Auslandshelfer nicht gefährden können. So sind die Weißhelme vorwiegend in den von Rebellen besetzten Gebieten aktiv, in denen auch die wenige staatliche Hilfe niemals ankommt.

„Wer einen Menschen am Leben erhält, erhält die gesamte Menschheit am Leben.“ Das Motto der Weißhelme stammt aus dem Koran (Sure 5, Vers 32)

Weißhelme sind Freiwillige. Sie kommen aus allen Bevölkerungsschichten und gehören unterschiedlichsten Religionsgruppen an. Ihr gemeinsames Ziel eint sie: Die Weißhelme leisten humanitäre Hilfe für die Opfer des Krieges. Eine Unterscheidung nach Geschlechtern, Konfession, Herkunft oder anderen abwegigen Kriterien, hat bei ihnen keinen Platz.

NETFLIX-DOKUMENTARFILM ZEIGT DIE ARBEIT DER WEISSHELME

Der für seine Kriegs-Dokumentation „Virunga“ für einen Oscar nominierte britische Filmemacher Orlando von Einsiedel hat mit seinem neuen Dokumentarfilm „The White Helmets“ ein Werk geschaffen, das die Situation der Menschen in Syrien schildert, wie keine andere Kriegsberichterstattung es bislang konnte. Von Einsiedel begleitet drei der freiwilligen Helfer der Weißhelme. Diese riskieren bei ihren Einsätzen jedes Mal ihr Leben und werden immer wieder selbst zur Zielscheibe.

Vor den Dreharbeiten trainierte von Einsiedel mit seinem Team über fünf Wochen hinweg an der syrischen Grenze mit 30 weiteren Weißhelmen für den Einsatz im Kriegsgebiet. Die Weißhelme leisten medizinische Hilfe, bergen Verschüttete – ob tot oder lebendig –, löschen Feuer und spenden Trost. Für das Technische konnten von Einsiedel und sein Team üben. Doch „auf die täglichen Traumen konnte uns niemand vorbereiten“, erklärte der 36-jährige auf der Premiere im September 2016 beim Film Festival von Telluride in Colorado (USA).

Omar Daqneesh: Das staubbedeckte Kind im Rettungswagen

Omar Danqueesh wurde zum Symbol der katastrophalen Zustände in Aleppo. Der bei einer Explosion verletzte Fünfjährige wurde von den Weißhelmen aus den Trümmern seines Hauses gerettet und zur weiteren Versorgung in einen Rettungswagen gesetzt. Das Foto ging um die Welt und bewegte die Menschen zutiefst. Doch er ist nur einer von 60.000 dokumentierten Geretteten. Die Meisten von ihnen sind Frauen und Kinder.

DIE LEISE ARBEIT DER WEISSHELME

In den vergangenen drei Jahren haben die Weißhelme eher still und zurückgezogen gearbeitet. Aufzufallen kann tödlich enden. Doch sind sie jedes Mal zu sehen, wenn international über die Gräueltaten in Syrien, Luftangriffen mit zivilen Opfern oder eine Eskalation zwischen den Kriegsparteien berichtet wird. Wenn die Kameras die großen Bilder für uns an den Fernsehern einfangen sollen und hinter dem Kriegsreporter rauchende Trümmer mit Helfern zu sehen sind, dann sind dies stets Männer und Frauen mit weißen Helmen.

INTERNATIONALE ANERKENNUNG SICHERT DIE ARBEIT DER WEISSHELME

Im Jahr 2016 wurden die Weißhelme für den Friedensnobelpreis – neben fast 150 anderen Organisationen – zumindest nominiert. Erhalten hat ihn in diesem Jahr der kolumbianische Präsident Santos. Als wären die Nominierten vergleichbar… Mehr hilft da tatsächlich das Engagement prominenter Unterstützer wie George Clooney oder Justin Timberlake. Sie bringen die Arbeit der Weißhelme in die Gedanken der Menschen auf der ganzen Welt. Manchmal auch von Entscheidungsträgern. So erhielten die Weißhelme am 23. September 2016 den alternativen Nobelpreis und damit die Zusicherung der deutschen Bundesregierung, die Weißhelme mit 7 Millionen Euro zu unterstützen.

(Foto: Netflix – Die Weißhelme)

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