“Da drüben, da war mal ein Lokal, “Die Sonne von Mexiko” hieß das, wenn ich mich richtig erinnere…da ging’s schon ab. Da haben wir jedes Wochenende mindestens einen mit Messerstichen rausgezogen”. Das Interview für unseren Film ist eigentlich schon längst vorbei, aber mit Leo Latasch am Steuer durch Frankfurt zu fahren ist auch immer ein bisschen Stadtrundfahrt. Ich war hier schon mal, in dieser zwielichtigen Ecke der Bankermetrolpole Frankfurt am Main. Im Schatten der Finanztürme zwischen Haupt- und Konstablerwache tummeln sich auch heute noch dubiose Gestalten.

“Aber kein Vergleich zu früher! Was hier in den 80ern und 90ern los war, das können Sie sich nicht vorstellen”. Latasch liebt diese Stadt, ist mit ihr aufgewachsen, hat hier Medizin studiert. Und hat wie kein Zweiter das Rettungswesen in Frankfurt geprägt.

Mehr als Bembel, Banken und Börse

Frankfurt, die Metropole am Main, Mekka der deutschen Finanzwelt und dereinst Drogenhauptstadt der Bundesrepublik. Damals, in der Ära Kohl. Schon in der Jungsteinzeit haben hier, auf dem Domhügel, Menschen eine Siedlung errichtet. Es sollte aber bis zum Jahr 794 dauern, bis Frankfurt das erste Mal urkundlich erwähnt wurde. Und heute? Ist die Stadt am Main eine der wichtigsten internationalen Finanzplätze. Konzerne haben das Stadtbild mit ihren Hochhäusern geprägt, die zu den höchsten Europas gehören. Zu ihren Füßen leben eine Viertel Million Menschen, im gesamten Ballungsraum sind es 2,5 Millionen. Der Rettungsdienst in Frankfurt hat entsprechend auch mit Superlativen aufzuwarten, denn hier werden die Fahrzeuge mit der teuersten Ausrüstung im gesamten Bundesland Hessen gefahren. Allerdings fährt der Frankfurter Rettungsdienst auch dreizehn Prozent aller Einsätze in Hessen – in nur einer Stadt! Als Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes hat Latasch also alle Hände voll zu tun.

Die richtigen Leute an den richtigen Stellen

“Eigentlich habe ich nur weitergeführt, was mein Vorgänger schon begonnen hatte”, sagt er. Ihm ist es sichtlich unangenehm, fremde Federn sind nicht seine Art Schmuck. “Sehen Sie, ich muss das auch mal sagen: ich bin wirklich stolz und dankbar, dass es hier in Frankfurt das nötige Geld und die richtigen Leute an den entscheidenden Positionen gibt, die die Wichtigkeit eines gut ausgestatteten Rettungsdienstes erkennen – denn ohne diese Faktoren, wäre so eine Einrichtung wie diese hier nicht denkbar”. Mit der Einrichtung meint der gebürtige Offenbacher das FRTC, das “Feuerwehr- und Rettungs-Trainings-Center”.

20 Millionen Euro hat der Bau auf dem Gelände der Feuer- und Rettungswache 1 gekostet und hat seit 2014 unzählige Rettungskräfte und Feuerwehrleute auf den Ernstfall vorbereitet – zum Beispiel mit RTW-Simulator.

“Bei uns sind alle RTWs der verschiedenen Hilfsorganisationen genau so eingerichtet. Verbandsmaterial in dieser Schublade, Schmerzmittel in jener, an der Wand hängt das Beatmungsgerät, dort drüben der corpuls3 – so sieht jeder RTW innen aus! Damit kann, im Falle eines Großeinsatzes, jeder Rettungssanitäter in jedem Wagen aushelfen und weiß genau wo was ist. Das bringt Ihnen im Zweifel genau die Sekunden, die Sie brauchen um ein Leben zu retten”.

Der Sinn und Zweck des RTW-Simulators ist aber nicht nur, dass die angehenden Rettungskräfte lernen was in welcher Schublade liegt. Ähnlich einem Flugsimulator hat dieser RTW einen Kontrollraum. Hier können die Ausbilder sämtliche Parameter des simulierten Patienten ändern und steuern. Unvorhergesehene Situationen gibts hier nur für die Trainees – und das auch nur bis zum Ende des Trainings, dann sollten sie alles erlebt haben.

Stolz schwingt mit, als Latasch erwähnt, “das haben meine Jungs alleine gebaut. Das alles hier. Klar waren da erst mal ein paar Paragraphenreiter schockiert und haben gemeint “das könnt ihr doch nicht so machen”! Da habe ich natürlich gesagt: Wieso, haben wir doch schon”.

 

Indoor Training für Outdoor Einsätze

Der RTW-Simulator ist für Latasch die Essenz des FRTC, auch weil er eben von “seinen Jungs” gebaut wurde und deshalb genau den Spirit widerspiegelt, den Rettungsdienstler in sich tragen. Ebenso wichtig aber für die Ausbildung ist es, junge Rettungskräfte, aber auch alte Hasen unter so realistischen Bedingungen wie nur möglich auf ihre Einsätze vorzubereiten. Auch das ist im FRTC möglich. Ein ganzer Straßenzug ist in der einen Halle nachgebaut, komplett mit fünfstöckigen Wohnhäusern, Kneipe, Zigarettenautomat (leer) und Schlecker-Filiale (geschlossen).

 

Und Gleisen. Diese führen in eine weitere Halle, in der sich eine vollständige U-Bahn-Station nebst Treppen und Fahrkartenautomat befindet. Natürlich auch mit einem echten U-Bahn-Zug, wie er derzeit in Frankfurt eingesetzt wird. “Das ist einfach immens wichtig, dass unsere Leute unter realistischen Bedingungen trainieren können. Wenn Sie in Frankfurt in einen U-Bahnhof kommen, dann sieht das da so aus. Wenn Sie in eine U-Bahn steigen, dann sieht die so aus. Und diese Puppen, die hier auf den Bänken sitzen, heben Sie die mal, die sind richtig schwer”! Ja, das sind sie. Ich kann mir vorstellen, welche körperlichen Höchstleistungen Feuerwehr und Rettungskräfte in dieser Halle bei einem simulierten Brand in einer verrauchten U-Bahn-Station leisten. Kunstrauch, ja. Aber sicher ebenso lästig wie echter.“Bisher hatten wir in Frankfurt Glück und es ist noch nichts schlimmes in der U-Bahn passiert”. Aber wenn, dann sind die Frankfurter Retter gut darauf vorbereitet. Und dann werden auch eventuelle Kritiker Latasch recht geben müssen: das FRTC ist gute und notwendige Investition in die Sicherheit der Menschen in Frankfurt.

Dabei hätte vieles anders kommen können. Sowohl für Latasch, wie auch für Frankfurt. Mit gerade mal 40 Jahren hat das Versorgungswerk der Landesärztekammer in Hessen Latasch für berufsunfähig erklärt. Auf Lebenszeit. Grund war eine Virusinfektion, die sich der Anästhesist bei einem Patienten eingefangen hatte. Nach zwei Jahren hat es Latasch aber nicht mehr zu Hause ausgehalten, wollte wieder arbeiten. Sein damaliger Arbeitgeber war da nicht ganz der Ansicht, dass das so eine gute Idee sei. Erst ein munterer Austausch mit dem Personalrat brachte Latasch wieder dahin, wo er hinwollte: in den OP, praktizierend. Wenn auch vorerst nur halbtags. Etwas unfreiwillig schlidderte Latasch kurz darauf in die Rolle des Ärztlichen Leiters des Rettungsdienstes. “Ich wollte das eigentlich nur zwei Jahre machen…jetzt sind’s 13 und ich stehe kurz vor dem Ruhestand”.

UnRuhestand

Wobei “Ruhestand” für den umtriebigen Hessen eigentlich das falsche Wort ist. “Neuordnung der Prioritäten” passt, meiner Meinung nach, besser. Denn neben seiner Arbeit für den Rettungsdienst ist Latasch noch Mitglied des Deutschen Ethikrates, im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, im Integrationsrat des Landes Hessen und engagiert sich auch sonst an – gefühlt – jeder Ecke. Langweilig wird’s dem Träger des Bundesverdienstkreuzes also nicht. Und wenn, dann gibt es immer noch seine Leidenschaften Tauchen und Fliegen, schließlich ist Latasch auch Inhaber einer Berufspilotenlizenz. Klar, arbeitet er doch auch gerne mal aushilfsweise im Flughafenkrankenhaus des Mega-Airports Frankfurt/Main mit. Naheliegend, eigentlich.

Trotzdem. Es fällt ihm schwer aufzuhören: “Natürlich macht man sich Gedanken, wird der Nachfolger den Rettungsdienst den in meinem Sinne – nicht auf meine Art, das kann ich nicht verlangen – aber mit gutem Ergebnis weiterführen? Wissen Sie, das ganze System ist da etwas widersprüchlich: Wenn jemand, wie ich, 40 Jahre im medizinischen Sektor tätig ist, dann haben Sie eine Menge Erfahrung. Und wenn Sie dann auf dem Höhepunkt dessen sind, was Sie so an Erfahrung sammeln können, ist unsere Gesellschaft so, dass Sie dann aufhören. Aber so ist das eben und ich bin der Letzte der das ändern kann”.

Sein Nachfolger steht schon in den Startlöchern. 15 Jahre jünger als Latasch, aber 14 Jahre Erfahrung als Leiter Rettungsdienst. Ein absolut fähiger Mann, betont das Urgestein. “Dessen bin ich mir sicher. Und ich bin ja nicht aus der Welt. Ein paar Sachen wurde ich schon gebeten weiterhin zu übernehmen. Ganz nach dem Motto: Lasst den älteren Herren da noch ein bisschen mitspielen, vielleicht hört er ja von ganz alleine auf”.

Schnellster Einsatzwagen Deutschlands

Das Leben auf der Überholspur ist aber auch am “Rockdoc”, ein Spitzname, den ihm U2-Frontman Bono verpasst hat, nicht spurlos vorbei gegangen. Das Herz hat zwischenrein Probleme gemacht. Latasch ist dem Tode damals nur knapp von der Schippe gesprungen. Ich habe nicht das Gefühl, dass er deswegen aber Geschwindigkeit rausgenommen hat, auch wenn er das sicher vehement beteuern würde. Das beste Indiz für meine These steht unten vor der Tür des FRTC, mehr abgestellt als geparkt. Es ist das wohl schnellste viertürige Einsatzfahrzeug Deutschlands, wenn nicht sogar Europas, ein Mercedes AMG E63S.

“Das ist mein Spielzeug und gleichzeitig mein Privatwagen”. Signalanlage, Blaulicht, Funk – alles da. Nur hämmert unter der Haube ein V8 Biturbo mit 612PS – 2 mehr als im Lamborghini Huracan der italienischen Polizei. Spitzengeschwindigkeit des dezent lackierten Einsatzwagens: 300 Km/h+. Den Begrenzer ließ Latasch direkt deaktivieren. “Ich stehe einfach auf solche Autos”, meint er fast entschuldigend. Um dann nach zu schieben: “Ich gebs ja zu. Ab und an mach im Tunnel schon auch mal das Fenster auf”. Kein Wunder, denn was da hinten aus den vier Auspuffrohren tönt, lässt die Trompeten von Jericho verschämt verstummen.

 

“Kommen Sie, steigen Sie ein. Wir drehen eine Runde und gehen was essen”. Oh ja. Sehr gerne. Leo Latasch. Helfer, Mediziner, Rettungsdienstler, Philosoph. Und Rock’n’Roller.

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