Kompetenzzentrum für Rettungsdienst in Peru

Um den Rettungsdienst in Deutschland beneiden uns viele Länder. Auch wenn es im Detail zweifellos Möglichkeiten zur Optimierung gibt, liegt sein Niveau zum Teil weit über dem anderer Staaten. Bernd Fertig, Diplom-Rettungssanitäter (SRK) und Rettungsdienstmanager, ist davon überzeugt. Und er muss es wissen. Fertig engagiert sich seit mehr als 35 Jahren in Peru und Bolivien dafür, das dortige Rettungswesen zu verbessern. „Ein gutes Rettungssystem ist kein Privileg reicher Länder, sondern die Basis eines jeden Gesundheitswesens“, sagt er. „Für mich ist es ein Menschenrecht.“

Bernd Fertig, der über 45 Jahre Erfahrung im Rettungsdienst und in der Luftrettung verfügt, möchte das Rettungswesen in den beiden südamerikanischen Ländern gerne an das deutsche bzw. nordeuropäische Niveau heranführen. Eine immense Aufgabe, die sich der Deutsche selbst gestellt hat. Ein besonderes Anliegen ist ihm dabei die Ausbildung der Rettungsfachkräfte. Deshalb ist es sein Ziel, ein Kompetenz-zentrum für den medizinischen Rettungsdienst und die Luftrettung in Peru sowie weiteren Andenstaaten aufzubauen. Das organisatorische Herz seines Projekts schlägt in Callao, einer Region, in der sich auch der internationale Flughafen von Lima befindet. Hier siedelte Fertig mit Unterstützung der peruanischen Luftwaffe FAP die Zentrale des Kompetenz-zentrums an.

Dass eine solche Aufgabe viel Geld kostet, lässt sich erahnen. In Peru leben 32,5 Millionen Menschen, davon allein 8,5 Millionen in der Region rund um die Hauptstadt Lima. Der Rest des Landes, das drei- bis viermal so groß ist wie Deutschland, ist eher dünn besiedelt. Peru ist ein sogenanntes Schwellenland, also kein Entwicklungsland mehr, aber noch sehr weit davon entfernt, als wohlhabend zu gelten.

Bevor Bernd Fertig damit beginnen konnte, die ersten Rettungsfachkräfte auszubilden, musste er deshalb Geldquellen erschließen. Als ehemaliger Leiter Rettungsdienst und Geschäftsführer verschiedener Organisationen ist ihm der Umgang mit Behörden und Verwaltungen vertraut. In Deutschland wurde Fertig auf der Suche nach Geldgebern fündig. Hier stieß er bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) und beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) auf offene Ohren. Sie begleiten und beraten das Projekt mittlerweile und übernehmen eine Teilfinanzierung. Auf peruanischer Seite sind die Luftwaffe, der Katastrophenschutz, das nationale Gesundheitsministerium, die Feuerwehr und weitere Organisationen des Rettungswesens an Bord.

Für Deutschland bietet sich durch Fertigs Projekt nicht nur die Möglichkeit, in den Anden als Land mit dem flächendeckend besten Rettungssystem der Welt wahrgenommen zu werden. Es winkt auch die Chance für viele nachhaltige politische und wirtschaftliche Kontakte. Besonders die Firmenpartner des Projekts – Airbus Helicopters, corpuls und MedDV. Sie können das Kompetenzzentrum als Plattform nutzen, um die hohe Qualität ihrer Produkte vorzustellen.

Dem Kompetenzzentrum ist ein Gutachten (SEMP 2020) vorausgegangen, das die Organisation des Rettungsdienstes im Land untersuchte. Auf dieser Basis wurden eine Bedarfsplanung für rettungsdienstliche Einrichtungen entwickelt, die Qualifizierung des medizinischen Personals festgelegt und ärztliche Direktoren im Rahmen eines Masterstudiengangs ausgebildet.
Darüber hinaus wurden zum Beispiel Politiker und Leiter von rettungsdienstlichen Institutionen über den Wert eines Luftrettungssystems in Peru informiert. Es gelang nicht zuletzt Bernd Fertig, die Entscheidungsträger zu motivieren, das Projekt zu unterstützen. In der Folge berichteten die peruanischen Medien immer wieder über das deutsche Engagement in ihrem Land, über das Gutachten und die Konzepte zur Optimierung der Rettungsdienste in dem Andenstaat.

„Der Rettungsdienst ist auch volkswirtschaftlich betrachtet eine leider von vielen Regierungen unterschätzte Größe“, musste Bernd Fertig feststellen. „Schwere Unfälle und Invalidität bedrohen in Entwicklungsländern besonders junge Menschen unter 40 Jahren. Damit kann ein guter Rettungsdienst nicht nur betroffene Menschen retten, sondern auch das Leben von Familien schützen und das Abgleiten in die Armut verhindern.“
Für die Einführung und Etablierung seines Projekts hat Fertig drei Jahre veranschlagt. Mittlerweile ist er so weit, dass er sich auch dem operativen Geschäft widmen kann. Derzeit stehen dem Kompetenzzentrum drei Hubschraubertypen für Primär- und Sekundäreinsätze zur Verfügung: je eine BO 105 LS, BELL 212 und BELL 412 sowie für Großeinsätze bei Bedarf eine MI 17.

„Bei unseren Einsätzen setzen wir telemedizinische Systeme ein, um alle Daten zu dokumentieren und die Kliniken über den aktuellen Zustand unserer Patienten zu informieren“, erläutert der Initiator und Projektleiter. Nicht ohne Stolz ergänzt Fertig: „Dabei setzen wir auf corpuls.mission und das Nida-System von MedDV.“
Das primäre Ziel des Kompetenzzentrums ist die Schulung des rettungsdienstlichen Fachpersonals. Darüber hinaus werden aber auch zertifizierte Kurssysteme in der Therapie von Covid-19 angeboten. Dadurch soll die Akutversorgung nachhaltig verbessert werden. Man wendet sich mit diesem Angebot an Rettungsfachkräfte aller Organisationen sowie Ärzte und Pflegefachkräfte klinischer Notfallabteilungen.

„Wir möchten, dass unser Kompetenzzentrum dazu beiträgt, weitere Luftrettungsstützpunkte primär in Peru und Bolivien aufzubauen“, fasst es Bernd Fertig zusammen. „Wir beraten und unterstützen die Verantwortlichen auf Wunsch dann gerne dabei, den Ablauf durch einheitliche und sichere Standards zu organisieren.“
Bernd Fertig wünscht sich von „seinem“ Zentrum einen Leuchtturmeffekt, der allen anderen Andenstaaten den Weg weist. „Es kann dazu beitragen, die Kommunikation und Kooperation der Länder und der in diesem Bereich tätigen Akteure zu verbessern“, hofft Fertig. Durch eine bessere Triage und Primärversorgung könne es besonders nach Großschadensereignissen gelingen, die Zahl der Opfer zu reduzieren.

Um das Netz von Luftrettungsstützpunkten in Peru enger zu knüpfen, gründet sich derzeit unter dem Namen ISAR (SIRED) eine gemeinnützige Organisation. Alle für den Rettungsdienst relevanten öffentlichen und privaten Institutionen beteiligen sich an dieser Association. Zu ihren Aufgaben werden auch die Einsatzabrechnung und wirtschaftliche Betriebsführung gehören.„Die Gesellschaft wird darüber hinaus über ein Assistance-System verfügen“, erklärt Bernd Fertig. „Es soll in Not geratene Personen, also zum Beispiel Touristen oder Angehörigen von Vermissten, bei der Klärung und Lösung ihrer Probleme unterstützen.“ Auch den dabei involvierten Botschaften werde man zur Verfügung stehen. Hierfür werde es eine rund um die Uhr besetzte Zentrale geben, an die sich Hilfesuchende wenden könnten. „Diese Zentrale arbeitet dann eng mit der derzeit ebenfalls im Aufbau befindlichen zentralen Rettungsleitstelle aller Hilfs- und Rettungsorganisationen zusammen“, skizziert Fertig die Pläne.
Um die medizinisch-fachliche Qualität der Aus- und Weiterbildungen sicherzustellen, kooperiert das Kompetenzzentrum mit der Universität Nacional Mayor San Marcos (UNMSM). Das Zentrum ist eine Außenstelle der Medizinischen Fakultät und verfügt über eine eigene Paramedic- und Flight-Paramedic-Schule. Bernd Fertig besitzt eine Gastprofessur an der Universität und baut dort derzeit eine Fakultät für Rettungswesen auf.

Die Schule verfügt unter anderem über ein Patientensimulationszentrum und einen Flugsimulator. „Neben Full-Scale-Simulatoren von Gaumard und Ambu nutzen wir vor allem corpuls simulation”, berichtet Bernd Fertig. Dieses System könne sowohl mit jedem Patientensimulator kombiniert als auch bei Simulationen am lebenden Menschen eingesetzt werden.

Über das Menü des Displays kann der Trainer alle Monitoring-Daten an corpuls simulation mit dem corpuls3 Interface übertragen. So lassen sich auch Simulationen darstellen, bei denen der „Patient“ noch ansprechbar ist. Diese sogenannte Hybrid-Simulation bietet vielfältige Möglichkeiten, Simulationen realitätsnah zu programmieren. „Vor allem bei Traumapatienten können wir so geschminkte Verletzungen, Kommunikation mit dem Patienten und veränderbare Vitalparameter sehr effektiv kombinieren“, zeigt sich Fertig begeistert.

Unter anderem in diesem Punkt ist man in Peru also schon auf einem mit Deutschland vergleichbaren Stand. Der Rest dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

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